Wie viel Idealisierung brauchen wir in einer Beziehung?

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Idealisierung gehört zum Anfang einer jeden Beziehung und zu jedem Prozess des sich Verliebens. Vor allem in der romantischen und idyllischen Phase tendieren wir dazu, die Persönlichkeit und das Leben des Anderen zu idealisieren: seine Intelligenz, sein Aussehen, seinen Pragmatismus, seine offene Einstellung, seine Entschlossenheit, seine Selbstsicherheit und so weiter. Wir ignorieren die Unvollkommenheiten und sehen alles fast ausschließlich in einem positiven Licht. Auf bestimmte Weise, kann man behaupten, dass wir diese Phase brauchen, da wir anders nicht den Enthusiasmus aufbringen könnten, uns neuen Erfahrungen zu öffnen. Eigentlich ist es fast unmöglich, sich vorzustellen, wie wir uns ohne Idealisierung verlieben könnten.

Idealisierung ist aber nicht nur eine verzerrte Wahrnehmung. Wie jede Wahrnehmung auch eine Projektion desjenigen ist, der wahrnimmt, so legen” wir durch Idealisierung in den Anderen auch bestimmte Aspekte unseres Selbsts. Wie seltsam es auch klingen mag, projizieren wir auf den Anderen nicht nur Teile von uns, die uns nicht gefallen, sondern auch positive Aspekte, die wir an uns selbst nicht genug schätzen: Ambitionen, Lebensziele, Talente, Qualitäten. In der Idealisierung verkörpert der Andere das, was wir auch gerne wären, in ihm „sehen wir unseren Traum“. Wenn wir uns verlieben und idealisieren, erleben wir unter anderem auch diese geheime Hoffnung, dass der Andere und die Beziehung uns vervollständigen werden, dass wir unsere psychischen Hindernisse überwinden und in uns etwas „wiederfinden“ werden, was wir nie bewusst gekannt haben. Wenn wir die Dinge aus dieser Sicht betrachten, können wir die Idealisierung benutzten, um Teile unserer eigenen Persönlichkeit besser zu integrieren. Die Beziehung zum Partner lehrt uns etwas über uns selbst, und die Idealisierung kann als eine Quelle der Motivation gesehen werden.

Andererseits setzt Idealisierung per Definition eine gewisse Distanz zwischen Realität und unserer Idee von dem “idealen” Partner und der “idealen” Beziehung vorraus. Aber in jeder Beziehung kommt es früher oder später zur Realitätsprüfung, und die Zukunft und Qualität der Beziehung entscheidet sich teilweise auch durch die Art und Weise, wie die Partner mit diesem Treffen zwischen Wirklichkeit und den Wünschen beider umgehen.

Im Falle einer übertriebenen Idealisierung entsteht bei jeder Berührung mit der Realität Gereiztheit, da die Realität die größte Gefahr darstellt. Wir setzen uns, die Beziehung und unseren Partner unter Druck, so dass alles nach unserem vorgemachten Bild läuft. Das ist eine Art Realitätsverleugnung, welche eine noch stärkere Idealisierung fordert, also einen noch größeren Abstand von der Realität. Gleichzeitig kann Idealisierung aber auch als Abwehrmechanismus eingesetzt werden. Wenn wir allgemein Intimität in Beziehung mit der Angst verletzt zu werden verbinden, brauchen wir die Distanz, die von Idealisierung herbeigeführt wird, um uns gegen das „Risiko“ gekannt zu werden zu schützen. Dann wird die Vostellung von dem „idealen“ Partner und der „idealen“ Beziehung zum natürlichen Schutzwall, welcher uns garantiert, dass Annäherung und tiefere Beteiligung nicht möglich sind. Die Aufrechterhaltung der Idealisierung um jeden Preis oder die Suche nach ihr in aufeinanderfolgenden, kurzen Beziehungen, die niemals über diese Phase hinausgehen, kann ein Zeichen eines emotionalen Trauma sein.

Im Gegenteil, eine flexible Idealisierung erlaubt einen Vergleich mit der Wirklichkeit, ohne dass dies zur Verstärkung der Abwehr, dem Ende der Beziehung oder zur Abwertung des Anderen führt. Eine flexible Idealisierung besteht aus „leicht übertriebenen“ Erwartungen und kann sich den realen Erlebnissen einer Beziehung anpassen. Mit Neugier und Beobachtungssinn können wir an dem Anderen überraschend Seiten und Aspekte entdecken, welche wir ursprünglich nicht vermutet hätten. Keine gute Beziehung ist gegebener Zustand, sondern sie wird mit der Zeit gebildet, aufbauend auf den Affinität und Kompatibilität der Partner, aber auch durch gegenseitige Anpassung. Das, was wir zusammen erleben, kann zu einer authentischeren Anerkennung der Eigenschaften des Anderen führen, so dass die ursprüngliche Idealisierung sich mit der Zeit in eine „realistischere“, aber wertvollere Variante, nähmlich in Bewunderung verwandelt – eine viel stabilere Basis für jene Beziehung.

Der große Unterschied zwischen einer flexiblen und einer nicht anpassbaren Idealisierung besteht darin, dass eine auf starren Idealisierungen gebildete Beziehung sehr zerbrechlich ist. Sie droht bei der kleinsten Uneinigkeit auseinanderzubrechen und die Partner müssen viel Energie aufbringen, um die Beziehung in ihrer „idealen“ Form zu bewahren. Trotz aller Anstrengungen zerbricht die Illusion irgendwann und der Prozess der Desidealisierung kann sehr schmerzhafte Erkentnisse mit sich bringen. In extremen Fällen kann dies sogar zu einem psychischen Zusammenbruch führen, was zeigt, dass Idealisierung auf tief im Unbewusstsein verankerte Prozessen und Bedürfnissen basiert. Wenn uns klar wird, dass das, was wir projiziert haben, nicht der Realität entspricht, richtet sich die größte Gefahr gegen unser Selbswertgefühl und die Teile unserer psychischen Struktur, die wir gehofft hatten, in dieser Beziehung verwirklichen zu können. Weil es schwer ist zu akzeptieren, dass wir den Anderen mit unserer persönlichen Weiterentwicklung „beauftragt“ haben, und um uns selbst nicht zu entwerten, verwandeln wir dann den Prozess der Desidealisierung in Enttäuschung. Wir sagen, dass die Beziehung und der Andere „unsere Erwartungen nicht erfüllt haben“. Jeder gescheiterten Idealisierung, für welche wir nicht wenigsten teilweise Verantwortung übernehmen, folgt eine starke Entwertung des Anderen.

Idealisierung ist keineswegs ein Hindernis auf dem Weg zu einer glücklichen und langen Beziehung, so wie eine Beziehung aus welcher die Idealisierung völlig verschwunden ist, ist auch eine in welcher das wahre Interesse an dem Anderen verloren gegangen ist. Verwandelt in gegenseitiger Bewunderung von Partnern für ihre persönlichen, kulturellen und sozialen Werte, kann sie eine wichtige Energiequelle für eine lebendige Beziehung sein, als auch die Grundlage für das Engagement der beiden für ein Ideal von dem, was das Paar zusammen werden kann.

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