Trennungsängste der Eltern wenn die Kinder das Haus verlassen

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Das Verlassen des Elternhauses am Ende der Pubertät kennzeichnet mit Sicherheit einen Wendepunkt für jeden Jugendlichen, der sich zum jungen Erwachsenen entwickelt. Das Loslösen von den Eltern entsteht aus dem natürlichen Wunsch, erwachsen zu werden, und dem gesunden Bedürfnis nach Autonomie. Obwohl es sich um eine normale Entwicklungsstufe handelt, für die Eltern hängt dieser Moment mit vielen Ängsten und Sorgen zusammen. Manche können diese Veränderung in ihrem Leben leichter akzeptieren, und scheinen bereit zu sein, die Beziehung zu ihren Kindern neu zu definieren. Für andere stellt die Loslösung des Jugendlichen auf emotionalem Niveau ein Verlust ihrer Bindung dar.

Manchmal verwandelt sich so eine Situation für die Eltern in eine starke innere Spannung. Die exzessive Auseinandersetzung mit allem, was dem Kind passieren könnte, überdeckt manchmal die eigene Angst, zurückgelassen zu werden. Trennungsangst kann sich durch Kopfschmerzen, Unruhen, ängstliches Verhalten, manchmal sogar Panikattacken, aber auch sich wiederholende Albträume, die starke Aufregung auslösen, bemerkbar machen. Träume in denen Verlust ein prädominantes Thema ist – das Kind, die Eltern oder eine andere nahestehende Person verläuft sich, verschwindet oder wird schwer krank – spiegeln die Auslösung dieser Art von Ängsten wider. Je größer das Leiden in Verbindung mit der Trennung vom Kind ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass bei den Eltern bestimmte Erinnerungen an Verluste, die schon einige Jahre zurückliegen, eventuell aus der eigenen Kindheit oder Jugend, aktiviert werden. Den Schmerz, den der Elternteil empfindet und mit der Trennung assoziiert, befindet sich bereits in ihm. Der Elternteil, der selbst gelitten hat, zu der Zeit als er noch ein Kind war, physisch verlassen zu werden, emotionale Misshandlung, ein Verlust durch Ableben, oder jedwelche Form von traumatischer Abweisung, erlebt die Trennung vom Kind auf afektive Ebene als Wiederholung dieser Ereignisse. Die Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich auf emotionalem Niveau.

Die Reaktion des Elternteils, welcher die Trennung als bedrohlich empfindet, kann so heftig sein, dass er seine elterliche Funktion zu unterstützen vernachlässigt, und die Rollen tauscht. Der Elternteil kann dem Jugendlichen nicht mehr die Unterstützung geben, die dieser benötigt, und der Jugendliche fühlt sich in die Situation gebracht, den ängstlichen Elternteil zu beruhigen. Dieser Kontext wird für den Jugendlichen zur Einschränkung in seiner natürlichen Entwicklung. In dem Versuch, das Gefühl verlassen zu werden zu unterbinden, kann es passieren, dass Eltern von ihren Kindern verlangen, ihre Zukunftspläne zu ändern, um die Trennung zu vermeiden. Diejenigen, die es trotz des versteckten oder offenen Drucks schaffen, von zu Hause wegzugehen, müssen einen Alltag bewältigen, in dem die Eltern weiterhin nicht fehlen: lange Telefonate, regelmäßige Besuche unter diversen Ausreden etc. Obwohl die Absichten gut sind, können diese Dinge dem Jugendlichen das Ausziehen erschweren und den Selbstständigkeitsprozess behindern. Niemand kann erwachsen werden, ohne eine gewisse physische und psychische Distanz zu den Eltern.

Für einen Jugendlichen kann die emotionale Realität des Elternteils schwer zu verstehen sein. Die Überführsorglichkeit des Elternteils, der kompulsive Wunsch, auf eine Art für den Jugendlichen zu sorgen, die für das Alter unangebracht ist, können leicht als eine Form von fehlendem Vertrauen von Seiten des Elternteils interpretiert werden. Fälschlicherweise beginnt der Jugendliche zu glauben, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung sei, oder, dass er aus einem ihm unbekannten Grund, die Unterstützung seiner Eltern nicht verdient. Wenn diese Überzeugung erst einmal besteht, kann dieses “fehlende Vertrauen” zu echter Hilflosigkeit werden. Ohne die angebrachte Unterstützung, beginnt der Jugendliche stufenweise all die Situationen zu vermeiden, die ihm helfen würden, sich weiterzuentwickeln, und Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten aufzubauen. Der Jugendliche wird immer öfter Konflikte zwischen dem Bedürfnis, es den Eltern recht zu machen, und seinem Bedürfnis nach Autonomie durch Trennung, zuungunsten seiner Eigenständigkeit “lösen” müssen. Die verpassten Konfrontationen mit der Realität de Erwachsenseins rauben dem jungen Erwachsenen die Möglichkeit zu erfahren, wer er ist und zu was er in Beziehung zu anderen als zu den Eltern, wirklich im Stande ist. Die Auswirkungen einer solchen Situation auf die Entwicklung kann man später an einer fragilen Persönlichkeit und einem fehlenden Antrieb, einer undefinierten Identität und oberflächlichen Beziehungen zu anderen erkennen, welche niemals zu stark ausgebaut werden dürfen, eben weil die Beziehung zu den Eltern diejenige ist, die um jeden Preis an erster Stelle als “aller wichtigste Beziehung” bleiben muss.

Für einen Elternteil mit einer von Verlust geprägten Vergangenheit, ist diese Angst, die durch bevorstehende Trennung ausgelöst wird, eine völlig natürliche Reaktion. Seine Trauer und seine Angst davor verlassen zu werden, sind vollkommen real. Allerdings kann der Elternteil diese Situation nutzen, um sich den Aspekten in seinem Inneren zu nähern, die über längeren Zeitraum unverändert geblieben sind. Wenn der Aufbruch des Kindes aus dem Elternhaus eine überdurchschnittliche Unruhe auslöst, die angesichts der Situation disproportional erscheint, kann dies für den Elternteil eine Chance darstellen, sich mit allen Wunden in Verbindung mit dieser Angst verlassen zu werden, auseinanderzusetzen. Da es fast immer um Gefühle von Enttäuschung, Wut, Sehnsucht oder Schuld geht, ist es kein leichter Prozess. Wenn der Elternteil allerdings erkennt, wie er sich am besten um sich kümmern kann, hat er die Möglichkeit, seine Trauer zu Ende zu durchleben. Dieser Prozess hilft ihm dabei, seine eigene Geschichte von der seines Kindes zu trennen, so dass er die gegenwärtigen Ereignisse nicht mehr durch den emotionalem Filter seiner Vergangenheit sieht. Zusätzlich kann der Elternteil sein Bedürfnis nach Bindung in eine andere Richtung lenken, indem er sie von seinem Kind auf andere Erwachsene überträgt – durch die Erweiterung sozialer Aktivitäten, durch die Annäherung an Personen mit ähnlichen Interessen, durch die Wiederentdeckung vergessener Leidenschaften etc. Der Zugang zu einer neugefundenen inneren Ruhe sorgt dafür, dass er sie nicht mehr sucht, indem er den natürlichen Wachstumsprozess seines Kindes behindert.

Damit der Übergang in einen neuen Lebensabschnitt so reibungslos wie möglich verläuft, wird er im Idealfall zeitig vorbereitet. Andererseits bedeutet der eigentliche Moment der Trennung nicht das Ende der Beziehung zwischen Eltern und Kind, sondern eine Verwandlung in eine andere Art von Beziehung, die eine neue Bedeutung trägt. Damit der Individualisierungsprozess des Jugendlichen beginnen kann, muss er wissen, dass es ihm erlaubt ist, von zuhause wegzugehen, und dass seine Eltern darauf vertrauen, dass er es schafft, den Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen zu machen, dass ihre Wahrnehmung von ihm sich verändert, und dass sie seinen Mut und seine Errungenschaften als eigenständiges Individuum aus sozialer, materieller und affektiver Sicht, bewundern können. Unterstützung bedeutet jetzt, Akzeptanz und Respekt gegenüber seinen Wünschen, sein eigenes Leben zu führen. Anders gesagt, eine neue Art der Liebe der Eltern dem Kind gegenüber.