Das Szenario des schwierigen Lebens

limba română

Im Leben ist eine bestimmte Stärke, um schwierigen Dingen, trotz der Hindernisse oder einem unvohersehbaren Ergebnis, ein Ende zu setzen, absolut wichtig. Ohne die Kraft, sich Schwierigkeiten zu stellen ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen, können wir unsere Ziele nicht erreichen. Je langfristiger unsere Ziele sind, umso mehr benötigen wir diese Kraft um Probleme, Frust und Unsicherheit zu bewältigen.

Trotz allem ist auch diese Kraft nicht unerschöpflich. Wenn das Verhältnis zwischen dem Gewinn und dem Preis, welchen wir zahlen, nicht mehr ausgeglichen ist, verwandelt sich diese Kraft, in eine, die nicht mehr für uns arbeitet, sondern, ganz im Gegenteil, zu einer Schwäche wird. Wir müssen uns dann dessen bewusst werden, dass der Weg zu anstrengend geworden ist und uns psychisch oder physisch zu sehr beansprucht im Verhältnis zu dem Ziel, welches wir erreichen wollen. Uns muss klar werden, dass wir unter diesen Umständen kaum Erfüllung und Freude erleben werden, wenn wir unser Ziel erreichen, sondern eher das Gefühl etwas geopfert zu haben.

Das Szenario des schwierigen Lebens besagt, dass unser Dasein unbedingt leidvoll sein muss, und ununterbrochen nach Aufopferung und Kampf verlangt. Wenn das Szenario des schwierigen Lebens so tief in uns verankert ist, dass wir es nicht einmal mehr wahrnehmen, finden wir uns immer wieder aufs Neue in denselben Lebensumständen wieder, die nur Kummer und Leid, anstatt Zufriedenheit und Glück zur Folge haben, unabhängig davon, was wir zu verfolgen glauben oder was wir uns wünschen.

Das Szenario des schwierigen Lebens wird in der Familie vorgelebt und wird vor allem durch die Beziehung zu den Eltern weitergegeben. Mit der Zeit wird es eine familiäre und bekannte Lebensart. Sogar so familiär, dass Kinder, die in einem solchen Umfeld aufgewachsen sind, Schwierigkeiten haben, ihr Leben als Erwachsene nach einem anderen Schema zu gestallten. Vielleicht versuchen sie es, aber erfahrungsgemäß, ein Kind, dessen Vater Alkoholiker war, sucht sich als Erwachsener, einen Partner, der ebenfalls ein Suchtverhalten an den Tag legt (Alkohol, Drogen, Glücksspiel, Arbeit). Ebenso wird ein Kind, dessen Vertrauen systematisch von den Eltern missbraucht wurde, sich oft in Beziehungen zu untreuen Menschen wiederfinden.

Es geht hierbei nicht um „Anziehung”. Wir sind nicht dafür „bestimmt”, dass uns schlimme Dinge passieren, oder dass uns Unglück widerfährt. Im Szenario des schwierigen Lebens kann das Gefühl von Vertrautheit sehr tückisch sein. Genau dieses Gefühl von Familiarität bringt uns dazu, den Weg zu wählen, welcher uns in eben diese Situationen oder Beziehungen führt, welche uns unausweichlich immer wieder ins Verderben stürzen. Dies führt dazu, dass unser negatives Weltbild, und der Glaube daran, dass das Leben schwer sein muss, verstärkt wird.

Ist ein Ausbruch aus diesem Denkmuster möglich? Oft muss erst eine innere Schmerzgrenze überschritten werden, damit die Bereitschaft zu einer Veränderung zustande kommt. Diese Schmerzgrenze ist rein subjektiv und von jedem einzelnen abhängig. Es gibt keine Maßeinheit und vor allem definiert sie sich nicht im Vergleich zu der Schmerzgrenze anderer. Es ist nicht leicht sich dessen bewusst zu werden, dass man die Grenze überschritten hat, eben deswegen, weil diese Sicht auf das Leben von Leid und Aufopferung geprägt ist und das Fehlen mancher gesunden Grenzen voraussetzt. Wir schreiben sozialen Situationen und Beziehungen eine große Bedeutung zu, noch bevor diese überhaupt ein reales Potential vorweisen konnten und bevor wir sie in der Realität getestet hätten. Es gehören viel Idealisierung, Gutgläubigkeit und Ungeduld zu diesem Szenario.

In vielen Fällen werden unsere Grenzen uns gewaltsam aufgewiesen, in Folge einer Krankheit, eines Unfalles, eines Verlusts, in allen Fällen eines traumatischen Ereignisses. Erst nach einem solchen Vorfall fragen wir uns: wie bin ich in diese Situation gekommen? Wie habe ich selbst dazu beigetragen? Beginnend mit diesen Fragen bietet sich die Gelegenheit zu Veränderung.

Diese negative Lebenseinstellung zu verändern ist gewiss keine leichte Angelegenheit, vor allem dann nicht, wenn man bereits seit 30, 40 Jahren oder länger mit dieser Sichtweise lebt. Dieser Veränderungsprozess kann von Unruhe, Angst oder sogar Wut, aufgrund der verlorenen Zeit und vergeudeter Chancen, geprägt sein. Gleichzeitig kann dieser Weg durch Geduld und Güte in einem therapeutischen Umfeld aber auch sehr befreiend sein. Vergangenem kann eine neue Bedeutung gegeben werden, während bis dahin blockierte psychische Energien endlich frei fließen, und auf intelligentere und gesündere Weise investiert werden können. Wir können lernen, unsere Reserven besser einzuteilen, unser Potential besser einzuschätzen, aber vor allem können wir lernen, dass es immer auch einen anderen Weg gibt, und dass die Art und Weise, wie wir unser Leben führen, größtenteils von uns abhängt.

Empfohlene Literatur:
Salman Akhtar, Sources of Suffering: Fear, Greed, Guilt, Deception, Betrayal and Revenge